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Yvonne Kleinmann: Recht im Plural. Eine Fallstudie zu Konkurrenz und Kooperation religiös verwurzelter Rechtssysteme im frühneuzeitlichen Polen-Litauen

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When 2009-05-25
from 19:30 to 21:00
Where HU Berlin
Contact Name Christian Boulanger, Michael Wrase
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Vortrag mit anschließender Diskussion, 25. Mai 2009, Beginn 19:30 Uhr s.t., Humboldt-Universität zu Berlin, Juristische Fakultät - Altes Palais/ Kommode, Unter den Linden 9, Raum E 14, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Recht und Gesellschaft der HU Berlin.


Wie gestaltet sich Rechtspraxis in einem dezentral regierten frühneuzeitlichen Staat? Welche Rolle spielt die religiöse Heterogenität der Bevölkerung? Wie lässt sich Rechtsautorität definieren? – Diese Fragen entwickelt der Vortrag am Beispiel des Latifundiums Rzeszów im Süden Polen-Litauens an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert.

Die adeligen Grundherren gehörten der römisch-katholischen Kirche an; ihre bäuerlichen Leibeigenen waren teils polnischsprachige Katholiken, teils Ruthenen, die erst im späten 17. Jahrhundert die Autorität der römisch-katholischen Kirche akzeptiert hatten, jedoch weiter den griechisch-orthodoxen Ritus praktizierten. Handwerker und Händler in Rzeszów sowie Pächter adliger Monopole auf den Landgütern waren mehrheitlich Juden. Mit dieser religiösen Segmentierung gingen unterschiedliche Rechtstraditionen und -praktiken einher.

Die städtischen Bürgergerichte und das Schlossgericht des Grundherrn tagten seit dem 14. Jahrhundert auf der Grundlage des Magdeburger Rechts. Neben dieser Rechtsform bestanden jedoch ältere korporative Rechtspraktiken fort bzw. neue wurden etabliert: Je nach dem persönlichen Status der Einwohner und den involvierten Parteien vor Gericht beriefen sie sich auf adeliges Landrecht, kanonisches Recht, dörfliches Gewohnheitsrecht oder auf Halacha und Minhag – das jüdische Religionsgesetz und den jüdischen Brauch – und beanspruchten Rechtsprechung vor ihren eigenen Gerichten. Angesichts der widerstreitenden Autoritäten interessiert die inner- und außergerichtliche Rechtsfindung in Rzeszów als stetiger Aushandlungsprozess.

Für eine interdisziplinäre Diskussion besonders geeignet erscheinen das Phänomen Rechtsautonomie, Fragen des Rechtstransfers sowie Aspekte der Rechtsanthropologie und -philosophie.


Das Projekt ist Teil der Emmy Noether-Forschungsgruppe (DFG) „Wege der Rechtsfindung in ethnisch-religiös gemischten Gesellschaften. Erfahrungsressourcen in Polen-Litauen und seinen Nachfolgestaaten“ am Institut für Slavistik der Universität Leipzig.