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Zeitschrift für Rechtssoziologie 27 (2/2006): Forum Rechtsforschung als disziplinübergreifende Herausforderung

Im Band 27 (2/2006) der Zeitschrift für Rechtssoziologie sind im Forum "Rechtsforschung als disziplinübergreifende Herausforderung" ausgewählte Beiträge der gleichnamigen Tagung in Halle 2005 veröffentlicht.


Zeitschrift für Rechtssoziologie 27 (2006), Heft 2© Lucius & Lucius, Stuttgart

Forum

Rechtsforschung als disziplinübergreifende Herausforderung

in Zusammenarbeit mit dem Berliner Arbeitskreis Rechtswirklichkeit (BAR)


Redaktionelle Verantwortung von Seiten des BAR: Alexander Klose


ZfRSoz-2006-2.jpg


Auszug aus dem Editorial

"Wir erhielten viel Zuspruch und Unterstützung für diese Tagung [Link zur Tagungsseite]. Es wurden über 60 Vortragsthemen eingereicht und über 40 Vorträge gehalten. Teilgenommen haben etwa 120 Personen. ... Schon während der Durchsicht der eingereichten Vortragsthemen entstand innerhalb des BAR die Idee, ausgewählte Beiträge zu veröffentlichen. Es gelang uns, die HerausgeberInnen der Zeitschrift für Rechtssoziologie für die Idee eines Sonderheftes zu gewinnen, das eine Auswahl der in Halle präsentierten Arbeiten in Form kurzer Beiträge enthalten sollte. Von den 28 ReferentInnen, die sich beim BAR um eine Veröffentlichung ihrer Tagungsbeiträge beworben hatten, wurden zwölf dem Herausgeberkreis zur anonymen Begutachtung vorgeschlagen, in deren Rahmen drei weitere Beiträge ausschieden.
Maßgeblich für die Auswahlentscheidung des BAR war neben der Qualität der theoretischen Grundlegung, des Forschungsdesigns und dessen Anwendung sowie der Relevanz der Ergebnisse vor allem die disziplinübergreifende Herangehensweise der AutorInnen. Auch wenn wir uns bemüht haben, das weite Spektrum der in Halle diskutierten Themen in diesem Heft abzubilden, waren Lücken — leider auch im Hinblick auf das Forumsthema
doch unvermeidlich. Einige können durch den Verweis auf den Tagungsbericht von Andrea Kramer und Ssoufian Bouchouaf (Soziologie 2006, S. 364-368) geschlossen werden. Der thematischen Vielfalt entsprechend haben wir uns gegen eine inhaltliche „Sortierung" der ausgewählten Beiträge entschieden."


Inhalt [ pdf]

  • Anusheh Rafi, Alexander Klose: Editorial (S. 175)
  • Michelle Cottier: Kindesschutz- und Jugendstrafverfahren als Schauplätze ge­schlechtlicher Subjektivierungsprozesse (S. 181)
  • Judith Dick: Juristische Praxis im Rechtspluralismus - Die Rechtsprechung zum Khasigewohnheitsrecht als Teil des indischen „Personal Laws" zwischen Rechts­pluralismus und juristischer Dogmatik (S. 197)
  • Kati Hannken-Illjes: Mit Gründen erzählen? Narration und Argumentation im Strafverfahren (S. 211)
  • Martin Klamt: Forscher als Normbrecher. Das Experiment als empirischer Zu­gang der Rechts-, Raum- und Sozialforschung (S. 225)
  • Dominik Kohlhagen: „Illegale" Migration und Rechtskultur. Beobachtungen aus einer Feldforschung in Kamerun und Deutschland (S. 239)
  • Salif Nimaga: Für ein instrumentelles Verständnis rechtlicher Reaktionen auf Völkerrechtsverbrechen (S. 251)
  • Antoine Pelicand: Das Recht — ein Territorium staatlicher Hoheit? Eine Studie der juristischen Transformation in Frankreich? (S. 263)
  • Claudia Vorheyer. Zur Bedeutung individueller Wahrnehmungs- und Handlungs­muster in der Rechtsanwendung - Das Beispiel der Verwaltung von Prostitu­tion (S. 275)
  • Michael Wrase: Rechtssoziologie und Law and Society - Die deutsche Rechtsso­ziologie zwischen Krise und Neuaufbruch (S. 289) [zur Debatte]


Zusammenfassung (Alexander Klose)

Vor dem Hintergrund konstruktivistischer Ansätzen in Rechtssoziologie, Kindheits­forschung und Geschlechtertheorie untersucht Michelle Cottier die Auswirkung rechtlicher Entscheidungsfindungsprozesse auf die geschlechtsspezifische Sozialisation der davon betroffenen Kinder und Jugendlichen. Die empirisch-vergleichende quantitative und qualitative Analyse des schweizerischen Jugendstraf- und Kindesschutzverfahrens deckt Unterschiede etwa hinsichtlich der Kind- bzw. Familienzentriertheit der Verfahren aber auch im Hinblick auf die Betonung der „Autonomie" oder aber „Abhängigkeit" der Kin­der und Jugendlichen auf.

Nicht um die Auswirkungen von „Recht" auf die ihm Unterworfenen, sondern um den Einfluss des richterlichen Vorverständnisses auf die Rechtsfindung geht es Judith Dick in ihrer Untersuchung zur juristischen Praxis im Rechtspluralismus. Am Beispiel der Rechtsprechung zum Khasigewohnheitsrecht als Teil der indischen „personal laws" ana­lysiert sie, wie RichterInnen den Konflikt zwischen scheinbar unvereinbaren Rechtssys­temen im Einzelfall lösen. Dieser Brückenschlag zwischen Rechtswissenschaft und Eth­nologie führt sie zu der Frage, in welchem Maß auch in Deutschland kulturelle Vorstel­lungen die Gesetzesinterpretation prägen (sollten).

Wiederum mit der Rechtsfindung, genauer mit der Wahrheitsfindung im Strafver­fahren befasst sich Kati Hannken-Illjes Beitrag. Ist Kai gefahren oder gerollert? Das ist die entscheidende Frage in dem Fall, der hier unter Aspekten der Rhetorik analysiert wird. Während auf der Mikroebene detailliert nachgezeichnet wird, wie die „Geschichte" der Anklage entsteht, stabilisiert,von einer „Gegengeschichte" der Verteidigung erschüttert und schließlich doch Grundlage der Urteilsbegründung wird, werden auf einer allgemei­neren Ebene „Kontrollpunkte" herausgearbeitet, an denen Geschichten zu Argumenten und damit zu Produkten der Wahrheitsfindung werden.

Mit einem Liegestuhl hat sich Martin Klamt in der Münchner Innenstadt auf die Suche nach Normen begeben. Die Frage danach, woher wir wissen, wie wir uns in einem Bahnhof, auf einem öffentlichen Platz, in einer Fußgängerzone, in einer Einkaufspassage oder in einem Park zu verhalten haben, wird durch raumuntypisches Verhalten beantwor­tet. Der Forscher als Normbrecher testet so zugleich das Experiment als qualitative Me­thode empirischer Sozialforschung, die nicht der Überprüfung, sondern der Entwicklung von Hypothesen dienen soll. Am Ende steht die Erkenntnis, dass rechtliche und soziale Normen in öffentlichen und privaten Räumen verhaltenswirksam„verortet" sind.

Den Auswirkungen der Erfahrungen von „Illegalität" auf rechtsbezogene Wertvor­stellungen und Verhaltensweisen ist Dominik Kohlhagen in einer rechtsethnologischen Feld­forschung nachgegangen. Nach seinen Beobachtungen sind Kenntnisse des Ausländer­rechts für afrikanische MigrantInnen nicht nur von existentieller Bedeutung für das Über­leben in Deutschland, sondern bewirken auch eine Verschiebung traditioneller Altershier­archien, Geschlechterrollen und Sozialklassen, die bis ins Herkunftsland zurückreichen können. Dies kann - verbunden mit einer zunehmenden „Legalisierung" im Aufnahme­land — schließlich zur Entfremdung und Aufgabe der ursprünglichen Rückkehrpläne führen.

In seinem Plädoyer für ein instrumentelles Rechtsverständnis des Völkerstrafrechts skizziert Salif Nimaga Chancen und Probleme einer Erforschung der Wirkungen völker­strafrechtlicher Normen. Wie lassen sich etwa die für nationale Alltagskriminalität entwi­ckelten Strafzwecktheorien auf Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit Hunderttausenden Opfern und normsetzenden Überzeugungstäterinnen übertragen? Weder Resozialisierung noch Abschreckung liefern hier überzeugende Antworten. Weite­re Probleme stellen sich in methodischer Hinsicht, da sich die strafrechtlichen Wirkungen nur schwer von denen anderer Reaktionen auf Völkerrechtsverbrechen trennen lassen.

Warum will man - auch in Frankreich — immer häufiger den Gerichtssaal durch ein Schlichtungsbüro ersetzen? Den Einfluss der Entstehung und Veränderung des National­staats auf das Justizwesen weist Antoine Pelicand am Beispiel der Einführung „bürgerna­her" Richterinnen (Justice de proximite) im Jahr 2002 nach. Nach einem historischen Rückblick auf die immer stärker werdende Zentralisierung, Verrechtlichung und Professionalisierung der französischen Justiz seit 1789 wird die gesetzliche Einführung alternati­ver Streitschlichtung als Reaktion auf die Überlastung der Gerichte mit (vermeintlichen) Bagatellestreitigkeiten analysiert, derer sich der Staat — weitgehend erfolglos — entledigen wollte.

Die Bedeutung der individuellen Wahrnehmungs- und Handlungsmuster der Ver­waltungsakteure für die Rechtsanwendung demonstriert Claudia Vorheyer an der Verwal­tung der Prostitution. Wie nehmen PolizeibeamtInnen oder MitarbeiterInnen des Ord­nungsamtes Prostitution wahr? Welche Konsequenzen werden daraus für die eigene Arbeit und die Zusammenarbeit mit Dritten gezogen? Die Analyse von Expertlnneninterviews macht deutlich, dass die „ausführende" Gewalt die ihr gegebenen Spielräume in einer Weise zu nutzen weiß, die bis an die Grenze der Verletzung ihrer rechtlichen Vor­raben reichen kann.

Schlusspunkt und Ausblick zugleich ist der Beitrag „Rechtssoziologie und Law and Society — Die deutsche Rechtssoziologie zwischen Krise und Neuaufbruch", in dem Mi­chael Wrase nicht nur Entwicklung und Stand der Rechtssoziologie in Deutschland be­schreibt, sondern sich mit Blick auf die USA und die dortige Law and Society-Forschung auch an der Debatte über ihre Zukunft beteiligt. Die Rechtssoziologie — so seine Schluss­folgerung — muss sich, will sie ihre gegenwärtige Krise überwinden, als disziplinenüber­greifendes Projekt begreifen, das sich nicht in erster Linie durch Inklusion und Exklusion bestimmter Themen, sondern allein durch den gemeinsamen Forschungsgegenstand „Recht" definiert. Gelinge dies, so stünden die Chancen für einen Neuaufbruch ange­sichts der „Interdisziplinierung" des Wissenschaftsbetriebs nicht schlecht.

[zur Debatte]