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Bayreuther, Rainer: Überlegungen zum rechtlichen Status musikalischer Kulturdenkmäler in kriegerischen Konflikten

Das Paper analysiert die Rolle und den rechtlichen Status von Kulturdenkmälern, insbesondere musikalischen Denkmälern, im Jugoslawischen Bürgerkrieg, namentlich dem Teilkonflikt zwischen Kroatien und Serbien 1991-1995.

Die Crux eines Kulturguts in Zeiten des Bürgerkriegs ist seine kaum aufzulösende Dialektik, die darin besteht, dass es einerseits aus einer bestimmten Kultur hervorgegangen ist und von dieser als das seine beansprucht werden kann, andererseits aber das Subjekt allgemeiner Rechte ist: Wenn die Gegenpartei es für sich beansprucht, wird die (eigene) nationale Zugehörigkeit des Denkmals beschworen. Wenn es die Gegenpartei zerstört, wird hingegen argumentiert, es sei Kulturerbe der gesamten Menschheit und könne daher von niemandem beansprucht werden. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Äußerungen von Intellektuellen und Kulturschaffenden im Konflikt zwischen Kroatien und Serbien seit Mitte der 1980er Jahre.

Aus welchen juristischen Gründen läßt sich von einem Kulturdenkmal sagen, es gehöre allen oder niemandem? Welche systematischen Probleme sind damit verbunden? Die Fragen sind hinsichtlich der Musik von immenser Bedeutung. Und sie bekommen in einem Bürgerkrieg besondere Brisanz, denn die Konfliktparteien unterstellen sich wechselseitig, daß das „Es gehört allen“ in Wahrheit vom Gegner für seine jeweiligen Interessen instrumentalisiert würde. Zudem wird innenpolitisch zumeist anders argumentiert als außenpolitisch: Innenpolitisch steht aus kriegspropagandistischen Gründen die nationale Identität und damit der nationale Besitz des kulturellen Denkmals im Mittelpunkt, außenpolitisch aus Gründen der erhofften internationalen Anerkennung und Protektion der Allgemeinbesitz des Denkmals durch die ganze Menschheit. Diese konträren Auslegungen des Allgemeinbesitzes von Kulturgütern verweisen auf eine inhärente rechtstheoretische Problematik der Denkfigur selbst, die für die kulturelle Dimension von Bürgerkriegen insgesamt von weitreichender Bedeutung sein dürfte und im Paper skizziert werden soll. Insbesondere die rechtstheoretische Konstruktion von allgemeinen Rechten, die von niemandem gewährt werden und daher im Prinzip bei niemandem einklagbar sind, wird hier eine Rolle spielen.

Abschließend soll ein kurzer Ausblick die rechtlichen und ästhetischen Implikationen der politischen Praxis der Vergabe des Titels "Weltkulturerbe" durch die UNESCO beleuchten.