Personal tools
You are here: Home Veranstaltungen Konferenzen & Workshops Konferenz November 2005, Halle Abstracts Freiheit, Jörn / Luuk, Marc / Münch, Susanne / Sijanski, Grozdana / Zangl, Fabrice: Lexecute – Ein Werkzeug zur Modellierung juristischer Arbeitsabläufe
Document Actions

Freiheit, Jörn / Luuk, Marc / Münch, Susanne / Sijanski, Grozdana / Zangl, Fabrice: Lexecute – Ein Werkzeug zur Modellierung juristischer Arbeitsabläufe

Ein zusammenwachsendes Europa stellt den Juristen vor neue Aufgaben: Insbesondere die enger werdende Verknüpfung grenzüberschreitender Verfahren bedeutet das Einarbeiten in fremde Verfahrens- und Rechtsordnungen. Im Rahmen des Projekts eJustice, einem Forschungsprojekt aus dem 6. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union, wurde Lexecute entwickelt, ein Werkzeug, welches dem Praktiker hilft, sich in fremden juristischen Verfahrensabläufen zurechtzufinden und ihm die zur Bearbeitung notwendigen Informationen an die Hand zu geben.

Möglich wurde dies durch die fachübergreifende Zusammenarbeit von Betriebswirtschaftslehre, Informatik und Rechtswissenschaft: Mit Methoden der Geschäftsprozessmodellierung wurde am Beispiel des deutschen Mahnverfahrens erstmals eine Darstellungsform juristischer „Prozesse“ erarbeitet, welche den Anforderungen an Transparenz und Klarheit gerecht wird, aber auch komplexe Verfahren in der gebotenen Tiefe und mit den für die Bearbeitung wesentlichen Informationen darstellen kann. Auf Basis der gesetzlichen Grundlagen, aber auch durch Interviews von Verfahrensbeteiligten des Mahnverfahrens, insbesondere bei den Gerichten, wurde ein Geschäftsprozessmodell erstellt. Die in der Wirtschaft verwendeten Modellierungstechniken wurden dabei den juristischen Anforderungen angepasst und um zusätzliche Eigenschaften und Funktionalitäten erweitert. Die Darstellung verschiedener Abstraktionsebenen wurde ebenso berücksichtigt wie eine Modularisierung einzelner Verfahrensbausteine. Dargestellt werden weiter zeitliche Komponenten (z. B. Fristen) und die unterschiedliche Sicht einzelner Verfahrensbeteiligter auf den Gesamtprozess. Auch für Sprachprobleme, die sich im internationalen Kontext unweigerlich einstellen, wurde eine Lösung erarbeitet.

Der hier vorgestellte Prototyp stellt eine neue Sicht auf juristische Arbeitsabläufe dar und könnte den Bereich der Justiz als neues Anwendungsfeld für Modellierungstechniken öffnen. Lexecute ermöglicht es auch fachfremden Personen, schnell die für sie relevanten Informationen (Fristen, Dokumente, gesetzliche Grundlagen) zu finden. Da auch eine mehrsprachliche Darstellung im Konzept angelegt ist, ist ein grenzüberschreitender Einsatz möglich. Ein typisches Anwendungsbeispiel ist bereits das von uns gewählte Mahnverfahren: So kann beispielsweise ein Franzose die für eine Vollstreckung nach dem deutschen Mahnverfahren erforderlichen Informationen unkompliziert in Lexecute finden.

Eine Herausforderung bei der Entwicklung waren die Besonderheiten der juristischen Domäne im Vergleich zu Produktionsprozessen aus der Geschäftswelt, für welche die Modellierungswerkzeuge ursprünglich entwickelt wurden. Die Funktionen der Modellierung können für den Bereich der Geschäftsprozesse in Beschreibungs-, Analyse-, Simulations- und Konfigurationsfunktion eingeteilt werden. Nur die Konfigurationsfunktion beschäftigt sich mit der Automatisierung von Geschäftsprozessen. Das Ziel der beschreibenden Funktion ist eine Verbesserung der Transparenz und der Kommunikation in Bezug auf komplexe Prozesse. Die Analyse und Simulationsfunktion eines Modells ist hingegen ein Werkzeug um eine größtmögliche Optimierung des Geschäftsprozesses zu erreichen. Anhand des Modells des aktuellen Prozesses können Schwachstellen analysiert werden. Aufbauend auf diese Analyse lässt sich ein Soll-Modell des optimierten Prozesses darstellen.

Bei der Analyse der Nutzungspotenziale der Modellierung im juristischen Bereich muss man berücksichtigen, dass die Zielsetzungen von Unternehmen und der Justiz nicht deckungsgleich sind. Aufgabe eines Unternehmens ist die Erzeugung und Verwertung von Sach- und Dienstleistungen durch die Kombination von Produktionsfaktoren. Die Erzielung von größtmöglichem Gewinn unter Einsatz möglichst geringer Ressourcen ist hierbei die entscheidende Zielsetzung.

Die Justiz ist von vornherein nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet. Die Zielsetzung der Justiz kann man annähernd als die Herstellung von Rechtsfrieden unter größtmöglicher Wahrung der Rechte des Bürgers und der Interessen der Allgemeinheit beschreiben. Schon diese sehr approximative Beschreibung macht den Unterschied zwischen einem Unternehmen und der Justiz deutlich: Während ein Unternehmen ein klar definiertes Ziel verfolgt, muss die Justiz einer Mehrheit von gleichrangigen Zielen gerecht werden.

Dennoch bietet gerade die Funktion der Beschreibung im juristischen Umfeld ein hohes Nutzungspotenzial, welches wir durch Lexecute nutzbar gemacht haben. Ergänzt um interaktive Komponenten, die eine einfache Navigation in dem Modell ermöglichen, zeigt sich, dass die Anwendung von Methoden der Geschäftsprozessmodellierung auch für Juristen von Nutzen ist.