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Veil, Katja: Die soziale Ökologie der Sicherheit. Sicherheit, sozialer Raum und Segregation

"In der Präsentation soll die Verbindung von zwei Diskursen dargestellt werden, die sich auf sozial-räumliche Prozesse beziehen und die beide von sozialer Kontrolle handeln. [...] Aus Sicht der Stadtplanung wir hierbei die These entwickelt, dass die Übertragung der Verantwortung für ‚soziale Kontrolle’ an die Bürger dem Bedürfnis nach Segregation ein rationale Handlungslogik zuführt, wobei die Distanzierung von sozialen Problemzonen das Ziel ist."

Im allgemeinen wird die Prävention von Kriminalität als etwas wünschenswertes angesehen. Durch Kriminalprävention wird das Justizsystem entlastet, es müssen weniger Strafen ausgesprochen werden und vor allem werden potentielle Viktimisierungen vermieden (vergl. Clarke 1991). Die Kriminalprävention trägt somit zum Ziel einer sicheren Gesellschaft bei und kann zugleich die Notwendigkeit für hoheitliches Handeln einschränken. Die Prävention der Kriminalität kann sich dabei zum einen auf den ‚Täter’ konzentrieren oder auf die ‚Tat’. Die täterbezogene Kriminalprävention wird im allgemeinen auch soziale Kriminalprävention genannt. Sie ist mit positivistischen Theorien eng verbunden, indem spezifische individuelle und soziale Eigenschaften die Disposition zu delinquentem oder kriminellem Verhalten vorhersagen. Die ‚soziale’ Kriminalprävention ist der Versuch durch die Veränderung der Disposition eine Reduzierung von Kriminalität zu erreichen. Damit ist jedoch zugleich das Problem der Pathologisierung verbunden, indem das abweichende Verhalten nicht als kulturelles Phänomen, sondern immer als sozial-strukturelles angesehen wurde (vergl. Gilling 1997).

Die frühe sozial-ökologische Forschung erklärte die Delinquenz insbesondere aus den Umweltbedingungen der Sozialisation. Diese sozial-ökologische Ätiologie wurde an der sogenannten ‚Chicagoer Schule’ entwickelt, insbesondere durch Robert Park, Clifford Shaw und Henry McKay. Sie war der Versuch die individuelle Pathologie in eine kollektive zu übertragen. Grundlage für diese Theorie war die Annahme, dass die sozial-räumlichen Kontextbedingungen durch die Übertragung von delinquenten Subkulturen delinquentes Verhalten produzieren. Sie konnten ihre Theorie jedoch nicht schlüssig beweisen, da sie eine Macro-Theorie der sozialen Ökologie des Raums, die auf Burgess Modell der Invasion und Sukzession beruhte, auf das Individuum übertrugen, damit begingen sie den sogenannten ‚ökologischen Fehlschluss’. Die ‚positive’ Erforschung der Delinquenz, auch die der Chicagoer Schule, verlor in der Folge zunehmend ihren Einfluss, was einerseits mit der Problematik der Pathologisierung zusammenhängt und zum anderen mit der fehlenden Nachweisbarkeit von Erfolgen durch die soziale Kriminalprävention (vergl. Garland 2000).

Die sogenannte ‚situative Kriminalprävention’ hat den Vorteil, dass sie sich dieser Problematik entziehen kann, indem sie sich auf die Tat und nicht die Motivation des Täters bezieht. In dieser Hinsicht erscheint die situative Kriminalprävention als unproblematischer. Der Raumbezug der situativen Kriminalprävention bezieht sich lediglich auf den Tat-Ort, an dem ein potentielles Opfer und eine potentieller Täter zusammentreffen (vergl Cohen/Felson 1979). Entscheidend ist jedoch auch die Anwesenheit, bzw. die Abwesenheit eines Beobachters, der die Rolle eines Beschützers einnimmt. Diese kann einerseits ein direktes Eingreifen bedeuten, oder auch alleine durch die Beobachtung zur Erhöhung der Bestrafungswahrscheinlichkeit einer rechtlich untersagten Handlung führen. Dieses Kalkül ist Grundlage sogenannter ‚rational choice’ Theorien, welche das Abwägen von Kosten und Nutzen als handlungsleitenden erklären. Durch das Erhöhen der ‚Kosten’ einer Tat soll diese unattraktiver werden, darin liegt die Logik der situativen Kriminalprävention. Ein wichtiger Bestandteil dieser Strategie ist neben dem Erschweren einer Tat, die Erhöhung der sozialen Kontrolle. Im sozialen Raum vor allem auch der ‚natürlichen’ sozialen Kontrolle durch die zufällig im Raum versammelten Personen und insbesondere durch die Bewohner eines Raums. Städtebaulich hat O. Newman diesbezüglich das Modell der ‚defensible spaces’ entworfen, wobei die Bewohner gewissermaßen Territorien ausbilden sollen, welche sie ihren Normen entsprechend kontrollieren und sozial organisieren. In diesem Modell liegt eine umfassendere Perspektive auf den Raum, als es der Begriff ‚situative Kriminalprävention’ auf den ersten Blick vermuten lässt. Der Handlungslogik der kollektiven sozialen Kontrolle liegt eine Anforderung an die soziale Organisation des Raums zu Grunde. Diese führt zurück auf die sozial-ökologische Perspektive der Chicagoer Schule, welche diese zur Grundbedingung für die Durchsetzungsfähigkeit von Normen und damit für Sicherheit erklärten.

Die Verlagerung der Aufgabe der Kriminalprävention an die Zivilgesellschaft, insbesondere auf die Funktion des Wohnens, enthält deswegen implizit eine Forderung nach sozial-räumlicher Organisation. Diese kann einerseits durch eine ausschließende Strategie der Segregation erfolgen, wie sie in den ‚gated communities’ bereits ausführlich problematisiert wurde (vergl z.B. Wehrheim, de Marinis). Sie kann sich ebenfalls in einer Verstärkung der residentiellen Entfernung aus problematischen Gebieten manifestieren, indem die mobilen Bewohner in der Übernahme der Veranwortung für die eigene Sicherheit veranlasst sind, ihren Wohnstandort nach Sicherheitskriterien zu wählen. Problematische Gebiete werden von den unabhängigen und stabilen Haushalten verlassen, eine Abwährtsspirale von Problemgebieten entseht, in denen sich sowohl Täter wie Opfer konzentrieren. Besonders betroffen sind davon ethnische Minderheiten. Die Konzentration von Tätern in bestimmten Quartieren ist dann vor allem auch die Folge einer aktiven residentiellen Segregation. Diese neue Perspektive der Raumbildung durch Kriminalprävention erlaubt einer Erweiterung von Shaw und McKays Modell indem eine Gegenbeziehung aufgezeigt werden kann: auch der Handelnde wirkt auf den Raum nicht nur den Raum auf den Handelnden.

Am Beispiel einer auf ethnische Minderheiten bezogenen Kriminalprävention können hierdurch neue Perspektiven eröffnet werden, welche vor allem deren erzwungener Segregation und damit ihrer verstärkten Viktimisierung entgegenwirken. Die bisherige Perspektive behandelte zwar die Konzentration von ethnischen Gruppen als Problem, jedoch nicht deren Ausschließung. In Großbritannien können hierfür erste Gegenbeispiele dargestellt werden, die nicht gegen die ethnische Minderheiten gerichtet sind, sondern ihre Wahlfreiheit und ihre Gleichberechtigung stärken.